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Buch "Fleisch essen, Tiere lieben"

Wir müssen nicht alle Vegetarier werden
 

Kann man auch guten Gewissens Fleisch konsumieren? Ja, findet Theresa Bäuerlein. Eine Vorabveröffentlichung aus ihrem Buch "Fleisch essen, Tiere lieben".
                                                                 
© Ludwig Verlag
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Thomas, einer der fleischliebenden Männer, mit denen ich zusammen gelebt habe, plante seine Mahlzeiten nach dem Prinzip:
Wenn es kein Gesicht hatte, schmeckt es nicht. Thomas ist ein netter Kerl, und wäre er von Schokolade abhängig, könnte er darüber einen männerhumorigen Beststeller schreiben, der dann mit Til Schweiger verfilmt werden würde. So aber prallte er nicht nur mit seinem schlechten Gewissen, sondern auch mit mir zusammen, die sich mehr oder minder versehentlich immer wieder auf einem Küchenstuhl wiederfand und gegen seine 99-Cent-Hackpakete anpredigte.

Theresa Bäutheresa-baeuerlein-180xVarerlein

   Wir wohnen schon seit Jahren nicht mehr zusammen, aber neulich traf ich Thomas
    wieder, zum Mittagessen. Er kaute an einem Schweinshaxenmmittagstischsonder-
    angebot, aus deren Mitte ein beeindruckender Knochen ragte. Ich trank mein Bier.
    Der Prediger in mir war schon seit Längerem zur Ruhe gekommen. Trotzdem fühlte
    sich Thomas scheinbar angegriffen, denn er liess seine Gabel sinken, sagte ein paar
    Sätze, die den blonden Saft in meine Luftröhre rutschen liessen: "Es ist zu lecker,
    und es gibt einfach noch keinen gleichwertigen Ersatz. Mal ehrlich, Tofu schmeckt
    nach nichts.
    "Aber", rief er mit erhobener Gabel, "das wird sich in Zukunft ändern. Bald gibt es
    künstliches Fleisch, das genauso lecker sein wird wie meine Haxe hier. Und das wird
    der Moment sein, in dem ich aufhöre, Fleisch von echten Tieren zu essen."
    Was für mich zunächst wie eine abstruse Rechtfertigung klang, ist gar nicht so
    abwegig: Holländische Wissenschaftler haben bereits mit Erfolg Fleisch im Labor
    hergestellt – aus Stammzellen. Sieht also so die Zukunft aus? Werden wir bei einem
    Glas Wein und einem Brocken Kunstfleisch zusammensitzen? Und werden die
    Vegetarier und Veganer von heute mitessen? Irgendwie zweifele ich daran.
    Bisher gibt es einige Probleme. Eines davon: Noch ist das Laborfleisch extrem teuer.
    Ein Stück kostet etwa 60.000 Euro. Nicht ganz das Budget des Durchschnittsbürgers.
    Und: Laut einer Studie der Europäischen Kommission halten 94 Prozent der Europäer
    das Kunstfleisch für keine Prachtidee, 54 Prozent lehnen es ganz ab.
   
© © Avi Levin
Theresa Bäuerlein, 1980 in Bonn geboren, ist Journalistin und Autorin. 2008 erschien ihr erster Roman Das war der gute Teil des Tages. Für ZEIT ONLINE schrieb Bäuerlein 2010 die Kolumne "Gewissensbisse". Sie wohnt in Tel Aviv und Jaibling, Bayern.

Ja, aber – was wollen wir denn nun? Es gibt einen Punkt, an dem wir uns entscheiden müssen. Naturbelassenes Fleisch von Tieren, die ein gutes Leben geführt haben, Fleisch, das niemanden krank macht oder vergiftet, dazu noch billig und massenhaft – das können wir vergessen. Niemand, der in den letzten Monaten mit einem halboffenen Auge auf eine Zeitung oder einen Bildschirm geschielt hat, kann ignorieren, dass in der Fleischindustrie etwas schiefläuft.

Wir müssen deshalb nicht alle sofort Vegetarier und Veganer werden. Aber zwei Dinge müssen wir tun. Erstens: besseres Fleisch essen. Das heisst: Würste und Gulasch von Tieren, die Platz und Auslauf hatten, die gefressen haben, was ihrer Natur entspricht, und die niemand verstümmelt, stundenlang durchs Land gekarrt oder sonstwie misshandelt hat. Es gibt Alternativen, und zwar nicht wenige. Jeder, der will, kann eine finden.

Bioschnitzel werden nun auch in Discount-Supermärkten angeboten. Das ist einerseits eine gute Nachricht – Biofleisch ist damit massentauglich geworden. Andererseits ist Masse eben immer noch nicht Klasse, das gilt auch für Bio. Die Produzenten der Biowürste für die Discounter sind große Hersteller, für die Bioware nur ein Teil ihrer Produktion darstellt. Und sie müssen sich, sofern die Ware mit dem Biosiegel gekennzeichnet ist, an Standards halten, die nicht besonders hoch sind, wenn man sie mit Bio-Anbau-
verbänden wie Demeter oder Bioland vergleicht. Massentierhaltung ist auch für Biotiere möglich, wenn auch in etwas kleinerem Rahmen. Massenproduktion von Biowurst ist also keine ernstzunehmende Alternative. Nicht alles, auf dem "Bio" steht, ist auch nachhaltig. Umgekehrt ist nicht alles, das ein Biosiegel aufweist, besser für den Konsumenten und seine Umwelt. Trennen lässt sich beides nicht. Wir sind die Umwelt, da wir in sie eingebunden und abhängig von ihr sind. Das ist kein weltfremdes Traumgespinst, sondern knallharte Realität.

Es lohnt sich, statt der Supermarktware einen Metzger zu finden, der handwerklich arbeitet und über seine Fleischlieferanten Bescheid weiß. Ein kleiner Metzger, der selbst schlachtet, kann sich für jedes Tier die nötige Zeit nehmen. Das kann ein Biometzger sein, muss aber nicht. Nicht jeder Betrieb, der nach den Kriterien des Biosiegels arbeitet, behandelt seine Tiere gut, und nicht jeder konventionelle Bauer ist ein Tierquäler. Wenn Sie einen Metzger haben, dem Sie vertrauen, reden Sie mit ihm. Wenn möglich, kaufen Sie Fleisch direkt vom Hersteller.

Zweitens: Wir müssen weniger Fleisch essen. 60 Milliarden Tiere werden jährlich weltweit zu Nahrung verarbeitet, das sind zehn Tiere für jeden einzelnen Menschen. 2050 sollen es doppelt so viele sein. In dieser Grössenordnung ist schon fast alles egal. Ob 120 Milliarden oder gleich tausend Fantastilliarden: Eine solche Menge ist globaler Selbstmord. Wegen ziemlich ernster Nebenwirkungen wie Klimawandel, Übergewicht, wirkungslose Antibiotika, Umweltschäden und endloser Grausamkeit an Tieren. Der Spruch "Weniger ist mehr" hat mich schon immer genervt. Weniger ist nicht mehr, sondern weniger. Aber da müssen w
ir halt durch.

Der Autor beantwortet Leserfragen zu seinem Buch "Tiere essen" über die Fleischindustrie und Vegetarismus. Artgerechte Tierhaltung ist wichtig, aber nicht alles. Wenn sämtliche Tiere, die wir heute essen, im Freien leben sollten, müssten fast alle Wälder und Felder in Weiden umgewandelt werden. Das gleiche Problem – Vegetarier aufgepasst– gilt für Eier und Milch. Es gibt einfach nicht genug Platz, um unseren Hunger nach Tierprodukten tierfreundlich zu befriedigen. Die einzige Möglichkeit, Massentierhaltung und -schlachtungen überflüssig zu machen, liegt darin, die Nachfrage nach den Produkten, die aus diesen Systemen stammen, zu reduzieren und letztlich ganz zu beseitigen. Es hat keinen Sinn, auf das Eingreifen politischer Entscheidungsträger zu warten. Gesetzliche Regelungen können die Lebensbedingungen von Tieren verbessern. Aber wenn wir nicht gleichzeitig unseren Konsum reduzieren, vollziehen sich diese Veränderungen zu langsam. Mit jeder Mahlzeit gibt man seine Stimme ab. Raushalten kann sich keiner.

Die Frage, wer das bessere Fleisch bezahlen kann, hängt weniger von dicken oder dünnen Konten ab, sondern davon, wie oft ein Esser nach Fleisch verlangt. Der Einkommensanteil, den der deutsche Verbraucher für Lebensmittel ausgibt, liegt laut Statistischem Bundesamt bei rund neun Prozent.

Die meisten Deutschen essen jeden Tag Fleisch. Es hat seinen Luxuscharakter längst verloren, und das ist keine gute Entwicklung. Trotz allgemein steigender Lebensmittelpreise geben wir heute insgesamt weniger für Fleisch aus als 1998. Ein Industriearbeiter musste 1970 etwa 96 Minuten für ein Schweinekotelett arbeiten, 2000 nur noch eine gute halbe Stunde. Je weniger Geld der Durchschnittsdeutsche verdient, desto mehr Fleisch isst er. Kein Mensch würde freiwillig den billigsten, schlechtesten Kindergarten wählen oder eine schnelle Herztransplantation zum Discountpreis. Richtig geizig sind wir nur beim Essen. Niemand, absolut niemand in diesem Land, ist auf anonymes Billigfleisch angewiesen.

 
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Der Text ist Theresa Bäuerleins Buch "Fleisch essen, Tiere lieben" entnommen. Erschienen im
      Ludwig Verlag.

      Manche werden problemlos auf Industriefleisch verzichten können. Andere würden
      eigentlich gerne weniger und besseres Fleisch essen, werden beim abendlichen
      Einkauf aber doch schnell wieder die abgepackte Hühnerbrust in den Wagen werfen,
      weil der Metzger schon geschlossen hat oder weil nach der Arbeit zum Gemüse-
      schälen schlicht die Kraft fehlt. Niemand sollte sich deshalb von Schuldgefühlen
      zerfressen lassen. Das hilft wirklich keiner Sau weiter. Perfektion ist ein Anspruch,
      der meist das Gegenteil bewirkt. Für den Anfang reicht es, öfter mal die bessere
      Entscheidung zu treffen. Das "Modell Sonntagsbraten" ist in den Medien kurz
      diskutiert worden und trifft das Prinzip genau: Fleisch selten, aber dann als Festmahl.
      Dann tut es auch nicht weh, dieses Fleisch von anständigen Herstellern zu beziehen.


      Der Journalist Nicholas Kristof beschrieb ein psychologisches Phänomen, das gerade
      bei den sogenannten Gutmenschen auftritt: Ausgerechnet jene Menschen, die
      versuchen, ein bewusstes Leben zu führen, bleiben Horrormeldungen wie Hungers-
      nöten und Völkermorden oft gleichgültig gegenüber. Denn der Gedanke an ein
      derartiges Elend ist so schwer zu ertragen, dass die Psyche mit einer Art Schutz-
      mechanismus reagiert: Schmerz ab einer bestimmten Grössenordnung ist nicht
      mehr fassbar – man reagiert nicht mehr. So überwältigend, wie es manchmal scheint, ist das Problem der ordentlichen Mahlzeit aber gar nicht. Man hat ja auch etwas davon. "Mit einem stärkeren Bewusstsein dafür, was alles auf dem Spiel steht, zu essen, mag nach einer Bürde klingen, aber tatsächlich gibt es wenige Dinge im Leben, die so viel Befriedigung bieten. Im Vergleich dazu ist das Vergnügen an industriell produziertem Essen, also ignorantem Essen, flüchtig", meint der amerikanische Journalist und Lebensmittelexperte Pollan.

Dieses Buch ist nicht gegen Vegetarier und Veganer gerichtet. Ebenso wenig bietet es Fleischessern Rechtfertigung für masslose Exzesse. Wer angesichts der Informationen, die in diesem Buch zu finden sind, den Schluss zieht, jede Ernährungsweise sei falsch, da sich gegen alles Argumente finden lasse, hat etwas Wichtiges übersehen: Der entscheidende Punkt liegt in dem Verständnis dafür, welche Ernährungsweise am wenigsten zerstörerisch wirkt.
Das kann eine Ernährung sein, die nur aus Pflanzen besteht, aber auch eine, in der Fleisch vorkommt.

In meiner WG auf dem Land koexistierten die Ernährungsweisen friedlich. Im Kühlschrank waren Tofu und Würste Nachbarn, an der Wand hing ein veganes Kochbuch, daneben hatte jemand eine Karte geklemmt: "Wenn alle Tiere ausgerottet sind, fressen wir die Vegetarier." Einmal im Jahr, zur Fastenzeit, verzichten alle Bewohner ein paar Wochen lang auf Tierprodukte. Es ging, es ging sogar gut. Denn eigentlich geht alles.

Theresa Bäuerlein: Fleisch essen, Tiere lieben
Ludwig Verlag, 2011; 160 S., 12,99 €
 

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